Die grüne Fassade der Bahnstadt bröckelt

Radentscheid Heidelberg kritisiert: Langer Anger steht entgegen der Beschlusslage noch immer für durchgehenden Autoverkehr zur Verfügung

Bereits im Jahr 2020 hat der Heidelberger Gemeinderat in Übereinstimmung mit der Stadtverwaltung als Straßenbehörde beschlossen, ein 200 Meter langes Teilstück des Langen Angers im Stadtteil Bahnstadt dem Autoverkehr zu entziehen. Hierdurch würde nicht nur die Sicherheit von Kindern auf dem Schulweg und beim Spielen deutlich erhöht, sondern auch die Aufenthaltsqualität in diesem zentralen Bereich des jüngsten Stadtteils Heidelbergs.

Entgegen der Versprechen der Stadtverwaltung ist die Maßnahme, auf die viele Eltern, Kinder und Menschen in der Bahnstadt warten, noch nicht umgesetzt. Zwei Einwendungen, deren Inhalt nicht öffentlich bekannt ist, hielten die Ausführung derzeit noch auf, so die Stadt. Zudem hatte die CDU Bahnstadt bereits im Jahr 2020 mit einer Unterschriftenaktion versucht, die Entwidmung der Straße für den Autoverkehr aufzuhalten.

Bildquelle: Wikimedia Commons / User: Luftschiffhafen

Dominic Egger, Vertrauensperson des Radentscheids, erklärt dazu:

„Auf 200 Metern verdichtet sich in Heidelberg vieles, was bei Verkehrsplanung und Stadtentwicklung bei uns und in vielen deutschen Städten schiefläuft. Der Status quo der autogerechten Stadt ist so zementiert, dass selbst minimale Veränderungen jahrelang bekämpft und ausgebremst werden.

Eine autofreundliche Minderheit führt erbitterte Rückzugsgefechte und erhält mehr Aufmerksamkeit als die Verkehrssicherheit und das gute Leben der großen Mehrheit. Diese falsche Aufmerksamkeit erhalten Auto-Interessen sowohl politisch als auch von einem Verkehrsrecht, das komplett aus der Zeit gefallen wirkt.

Dabei könnten alle, aber vor allem Kinder, Familien und ältere Menschen so viel mehr Sicherheit und Lebensqualität gewinnen, wenn wir das Leitbild der autogerechten Stadt endlich in die Geschichtsbücher verbannen würden.

Veränderung, mit der alle einverstanden sind, gibt es nicht. Natürlich ist verständlich, dass Autofahrende auf Privilegien, die sie seit Jahrzehnten auf Kosten der anderen Verkehrsteilnehmenden genießen, nicht verzichten wollen.

Wer im Gemeinderat und Stadtverwaltung Verantwortung trägt, muss jedoch mit klarer Sprache und eindeutigen, schnellen Maßnahmen die Richtung weisen. Sonst gilt weiterhin das Recht des Stärkeren. So werden wir weder Verkehrswende noch Klimaschutz erreichen.

Das Verkehrsrecht im Bund muss sich ändern, um Lebensqualität, Sicherheit und Klimaschutz auf kommunaler Ebene noch stärker zu berücksichtigen. Doch schon das geltende Recht wird in Heidelberg nicht angewandt. Geht es darum, die Rechte und die Sicherheit von Radfahrenden durchzusetzen, so wird gezaudert. Nur wenige Meter vom Langen Anger entfernt ist dies in der Da-Vinci-Straße zwischen Eppelheimer Straße und Grüner Meile zu beobachten: Den sogenannten Radschutzstreifen, die gestrichelte Linie mit Fahrradsymbol, nutzen hier etliche Autobesitzende als Dauerparkplatz. Anstatt abzuschleppen lässt die Stadt sie seit Jahren gewähren. So schmutzig sieht es hinter der grünen Fassade des Vorzeigestadtteils aus.

Die Zeit der Appelle und der falschen Toleranz muss ein Ende haben. „Berliner Kissen“ lösen das grundsätzliche Problem von zu vielen und übermächtigen Autos keineswegs. Wo die Straße den Kindern gehören soll, müssen Pfeiler und Poller her.

Das zeigt sich auch an vielen anderen angeblich verkehrsberuhigten Stellen in der Stadt, wie beispielsweise in der Wieblinger Wallstraße. Auch hier wird der Auto-Durchgangsverkehr wichtiger genommen als der Schutz der Kinder von anliegender Grundschule und zwei Kindergärten. Trotz Berliner Kissen halten sich die meisten Autofahrenden nicht an die Schrittgeschwindigkeit. Ich selbst erlebe das jeden Tag auf dem Weg in den Kindergarten. Auch hier versuchen Stadtteilverein und Bezirksbeirat seit Jahren vergeblich, die Ortsmitte für die Menschen zurückzuholen.

Für junge Familien in der Bahnstadt, die schon heute zu großen Teilen die meisten Strecken zu Fuß, mit Fahr- oder Lastenrad zurücklegen, ist die Botschaft der Verantwortlichen aus Gemeinderat und Verwaltung einfach nur zynisch. Der Radentscheid erklärt sich daher mit der Initiative der Bahnstadt-Eltern solidarisch, die sich an dieser Stelle für die Sicherheit von Kindern einsetzen.“

Über den Stadtteil Bahnstadt

Die Bahnstadt gilt sogar international als Vorzeigeprojekt für nachhaltige Stadtentwicklung. Ein ganzer Stadtteil im Passivhausstandard mit 50 bis 80 Prozent weniger CO2-Emissionen durch Gebäude. Durch die überdurchschnittliche Autonutzung der Bahnstädter:innen werde die CO2-Ersparnis beim Heizen jedoch aufgezehrt, so die Bilanz des Verkehrsclub Deutschland (VCD) im Jahr 2019. Damals erhob dieser, dass Bahnstädter:innen 47 Prozent der Wege mit dem Auto zurücklegten. Der Heidelberger Durchschnitt liegt hier bei 29 Prozent. Dabei war der Stadtteil ursprünglich als “autoarm” angedacht. Der Gedanke der Stadtentwickler:innen im Rathaus: Passivhäuser würden Menschen mit nachhaltigem Lebensstil anziehen, die aufgrund des hohen Umweltbewusstseins deutlich seltener Auto fahren würden. Aufgrund der hochpreisigen Mieten haben sich jedoch vor allem gutverdienende Milieus angesiedelt und die Auto-Zulassungsquote lag 2019 mit 482 PKWs pro 1.000 Erwachsenen in der Bahnstadt über dem Heidelberger Durchschnitt von 406 Autos pro 1.000 Erwachsenen.

Weiterführende Quellen: